Zum Nachdenken

Nach unserem 17-jährigen Engagement für Flüchtlingsfrauen in Bosnien möchten wir einige Feststellungen und Vorschläge unterbreiten. Feststeht, dass nach einer bewaffneten Auseinandersetzung die Belange der Frauen vergessen werden. Unmittelbar nach einem Krieg wird eine Hilfsbereitschaft zum Aufbau von Fraueninstitutionen signalisiert, die aber innerhalb von wenigen Jahren wieder verschwindet. Diese Fehlentwicklung macht sich inzwischen im Fortschreiten von Prostitution und Menschenhandel bemerkbar.

Politisches Ziel der Europäischen Gemeinschaft ist der Aufbau einer demokratischen Zivilgesellschaft in den ehemaligen Staaten des Balkan. Die Demokratie setzt aber Bildung voraus. Bildung zu vermitteln ist eine langfristige Aufgabe, die Kontinuität benötigt, aber keinen Gewinn abwirft.

Deshalb sind die EU-Finanzierungsinstrumente der “Projektförderung” für die Erreichung von Bildungszielen ungeeignet. Da ein großer Teil der männlichen Bevölkerung dem Krieg zum Opfer gefallen ist, muss bis auf weiteres dem weiblichen Teil mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Denn dieser ist es, der einer nachfolgenden Generation den Wert der Bildung überzeugend vermitteln muss und kann, wenn er selbst den Wert der Bildung erfahren hat.

Es ist daher dringend erforderlich, ein Basis-Bildungsprogramm für den Balkan und die osteuropäischen Staaten auf europäischer Ebene ins Leben zu rufen. Unsere Idee ist es, in Straßburg ein Frauenreferat/Frauenministerium zu bilden, die aktive Frauenbildungspolitik betreiben kann. Nach schwedischen Vorbild könnten 40% der EU-Gelder, die für Demokratisierung und humanitäre Projekte ausgegeben werden, an dieses Referat gehen. (40% von den Geldern, die SIDA zur Verfügung stehen, gehen an die Frauendachorganisation Kvinna till Kvinna). Statt nach Anträgen zu rufen, sollte diese Institution selbst nach verlässlichen Partnern suchen, so, wie es in etwa Herr Winterstein in dem Balkanbüro der Hessichen Landesregierung gehandhabt hat. Somit könnte Personal für Auswertung der Aufträge gespart werden. In Straßburg gibt es ein Büro, das sich mit Bildung befasst, das aber kein Geld für solche Projekte hat (Department of School an Out-of-School Education. Directorate General IV, Council of Europe), F-67075 Strasbourg CEDEX).